ÿþ<html><head><meta name="robots" content="index, follow"> <title>Ulrich Leininger - Betr.:China</title></head> <body bgcolor="#ddaa55" link="#110044" vlink="#000000"> <table width="70%" cellpadding="20" align="center" border="0" bgcolor="#eeeeee"><tr><td valign="top"><font face="Sylfaen"> <h3>China</h3> Seit ich im September 2006 in Wuhan angekommen bin, habe ich mich zu zwei knappen Berichten durchringen können. <br><br> Als PDF: <a href="erste.nachricht.aus.china.pdf"><br>Erste Nachricht</a><br><a href="zweite.nachricht.aus.china.pdf">Zweite Nachricht</a> <h4>Erste Nachricht</h4> (i) Die Stadt - Wuhan. Nicht schön im konventionellen Sinn, aber "interessant" und metropolitisch. Überall werden Hochhäuser hochgezogen, ein U-Bahn-Netz befindet sich im Bau. Bei Fahrten über die gewaltigen Brücken über den Jangtzeh summt man unwillkürlich Straußens Zarathustra. Der höchste Wolkenkratzer kommt auf 331 Meter. Es gibt eine Reihe von westlichen Bars und Clubs, die für hiesige Verhältnisse unbeschreiblich teuer, aber immer noch deutlich billiger als in Berlin sind. <br> <br> (ii) Die Luft. Es liegt fast permanent ein Abgasnebel ("smog") über der Stadt. Bei schlechter Lage werfen die Autos nachts Lichtkegel in den Staub, ähnlich wie wenn ein einzelner Lichtstrahl in einen staubigen Raum fällt. Die Luft reizt Lunge und Augen. Wo ich wohne und der Jangtzeh im Zulauf auf eine Insel drei Kilometer breit ist, kann man an solchen Tagen das andere Ufer nur gerade so, schemenhaft, erkennen. Das führt zu dem paradoxen Ergebnis, dass bei Regen, wenn die Luft gut ist, Spaziergänge durch die Stadt am meisten Spaß machen. (Auch wenn die Ureinwohner das anders sehen - aber die benehmen sich sowieso immer auf die absurdeste Weise, überall auf der Welt. Die in Deutschland verbreitete Annahme, Ureinwohner wüssten i.d.R. schon, was sie tun, hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun.) <br> <br> (iii) Die Preise. Wuhan ist selbst im Vergleich mit anderen chinesischen Städten billig. Sein Geld kann man nur loswerden, wenn man versucht, westliche Gepflogenheiten aufrechtzuerhalten. DVDs kosten 50c, Zigaretten 20, Essen in der Kantine 30, im Restaurant 1¬ , gute Kleidung gibt's für einstellige Eurobeträge. Das Taxi wird bei 30c eingeschalten. Für 3¬ kommt man quer durch die Stadt. Zudem ist die Taxi-Dichte noch höher als in Berlin, und die Fahrer weisen Versuche, Trinkgeld zu geben, verdutzt zurück. Es gibt kaum einen Grund, irgendeine Strecke zu Fuß zu gehen - besonders nicht bei smog (also fast immer). Inzwischen halte ich 100m von der Schule entfernt, weil es mir peinlich ist, ständig mit der Taxe vorzufahren... <br> <br> (iv) Unterrichten. Spaßig in Mathematik. Eher lästig in Englisch (was ich, wie sich herausgestellt hat, nun doch auch unterrichten soll). Nicht nur, dass Mathematik interessanter ist (arguably) - auch die Methode kommt mir eher entgegen. Unwillige Schüler zur Mitarbeit an Themen zu begeistern, die ich selbst totlangweilig (RS?) finde, ist nicht unbedingt mein Ding. Warum sind in diesen Lehrbüchern eigentlich niemals Themen, die Jungs interessieren könnten? Schnelle Autos, schwere Geschütze? Nein, wie überall auf der Welt muss ich über "Leben mit der Krankheit" und "Englische Gedichte des 18. Jhdts." etc. unterrichten *schnaaaarch*. <br> <br> (v) Die Schüler. Nett & diszipliniert. Keine Spur von Rütli. Alle sitzen, wenn man den Raum betritt, und stehen ungefragt auf, wenn sie eine Frage beantworten. Man muss darauf achten, sie nicht zu vergessen, sonst bleiben sie stehen. Für die Schüler beginnt der Unterricht um 8:00 morgens und endet um 9:45 (ja, abends). Die Armen. Die Erwähnung von Deutschland löst Begeisterungsstürme aus. "Germany!" seufzen besonders Schülerinnen mit einer Hingabe, dass man damit rechnet, sie möchten im nächsten Augenblick die Augen verdrehen und in Ohnmacht fallen. Man glaubt hier auch noch allen Ernstes, Deutschland sei ein blühendes Land der Hochtechnologie. Little do they know. Der transrapide Crash diese Woche hat wohl uns allen vor Augen geführt, dass jetzt in Deutschland Dinge passieren, die früher nur in Griechenland ihre Heimat hatten... <br> <br> (vi) Ich und der Kommunismus. Ich habe ja eigentlich nicht vor, irgendetwas Subversives im Unterricht zu sagen. Der Vertrag legt schließlich auch fest, dass ich mich nicht über politische Themen äußern soll (und natürlich nicht die innere Sicherheit der VR China gefährden etc., wie auch immer man das macht). Man schlittert da aber leicht rein. Heute wollte ich meine Schüler über das zu besprechende Thema abstimmen lassen. Im zweiten Anlauf, nachdem ich erklärt hatte, wie eine Abstimmung abzulaufen hat, hob genau ein Schüler mit großer Begeisterung seine Hand - so großer Begeisterung, dass er sie bei _beiden_ zur Wahl stehenden Themen hob! "You don't really understand the concept of voting, do you?", sage ich, und schon bin ich auf brüchigem Eis. Zumindest kommt es mir so vor als am Ende der Stunde, als wir noch ein bisschen quatschen, um uns kennenzulernen, einer Schüler mir ein Mao-Bildnis auf einer Silberuhr zeigt und mich fragt, was ich über diesen wisse... <br> <br> (vii) Die Wohnung. 2 Zi Kü Ba AC TV WaMa Breitband, über Geschmack sollte man dagegen besser nicht streiten. Meine Freude über den fehlenden Verkehrslärm währte kurz, denn die spielenden Schüler auf dem Schulhof sind schlimmer als die Schönhauser Allee. Montags morgen um 7:00 gibt's außerdem eine 3/4 Stunde kommunistische Indokrination aus scheppernden Riesenmegaphonen auf den Dächern. Der ewige Kampf Mensch gegen Natur, letztere in diesem Fall vertreten durch Kakerlake, hat sich dafür bereits zu meinen Gunsten (vor-)entschieden. (Strategische Erfahrungen aus Zypern erwiesen sich als nützlich; man muss gewitzt vorgehen, denn Gift führt zwar zum Tode von Kakerlaken, allerdings erst lange, nachdem alle höheren Lebensformen verendet sind, zu welchen der Autor sich in aller Bescheidenheit rechnen möchte.) Zu den gravierenderen Nachteilen ist der Umstand zu rechnen, dass das Tor zum Campus um Mitternacht auch für Lehrkräfte schließt. Die Mauer außenrum ist recht hoch und an ein paar Stellen mit Stacheldraht versehen. Man hat hier etwas andere Vorstellungen von Disziplin. Doch wird der Einstieg wohl zu schaffen sein. Der Ernstfall wird nicht lange auf sich warten lassen... <br> <br> (viii) Essen und Trinken. Wegen Ratten muss man sich keine Sorgen machen. Trotzdem kann es zu Überraschungen kommen. Bestellen ist schwierig, da so gut wie niemand Englisch spricht, und chinesische Schriftzeichen dem Unkundigen nicht den geringsten Aufschluss geben. Bevor ich gackernd im Restaurant rumhümpfe, um ein Hühnchen zu bekommen, muss ich dem Hungertod schon ziemlich nahe sein. Letztens bei McDonalds (nothing like home) dachte ich, ich könnte nichts falsch machen, wenn ich auf eines der leckeren Menüs zeigte (Burger, Pommes, vermeintliche Cola für 2¬ - also himmelschreiend teuer.) Doch die braune Flüssigkeit, die mir geliefert wurde, schmeckte nach nichts, was ich einordnen konnte - wie von einem anderen Stern & völlig ungenießbar. <br> <br> (ix) Straßenverkehr. Der Chinese als solcher neigt ja zur Apathie, ganz besonders aber als Teilnehmer im Straßenverkehr. Fußgänger dappen selbstvergessen auf vielbefahrene Straßen. Radfahrer trudeln unglaublich langsam, als müssten sie ihre Beine durch Sirup bewegen, quer über alle Fahrbahnen. Autofahrer schneiden sich nach Belieben und kümmern sich nicht im Geringsten um Vorfahrtsregeln. Ich saß auf dem Beifahrersitz, als mein Fahrer in aller Seelenruhe in eine Straße vom Kaliber des 17.Juni links einbog, unnötigerweise in weitem Bogen über alle drei Spuren hinweg und allen die Vorfahrt nehmend. Das alles würde mich aber noch nicht erstaunen. Das wirklich Erstaunliche ist, dass es niemanden interessiert. Alle erdulden die zahllosen Zumutungen mit stoischer oder doch schon zombiehafter Gelassenheit. Niemand hupt, niemand schimpft, niemand runzelt auch nur die Stirn oder kommentiert, wenn ein Fahrradfahrer wie geisteskrank vor einem herumgurkt. Man bremst einfach - und hält an, wenn es sein muss. Und wenn der andere schließlich weg ist, geht's eben weiter. Gestern habe ich ein Auto gesehen, das nicht nur mitten auf der Fahrbahn parkte - sondern das auch noch quer und ohne jeden erkennbaren Grund. <br> <br> (x) Vorläufiges Gesamturteil: Paradies mit kleinen Fehlern <br><br> <h4>Zweite Nachricht</h4> <h4>Fremde, Freunde & Schlitzaugen</h4> "Mensch bin ich; ich erachte nichts, was menschlich ist, als fremd für mich." <br>[Das hat ein gewisser Terenz gesagt. Mit dem möchte ich ab jetzt nichts mehr zu schaffen haben.] <br><br> Nach langer und schändlicher Vernachlässigung aller Verwandten und Freunde habe ich das Ende meines Urlaubs zum Anlass genommen, mich noch einmal länger zu Wort zu melden. David aus Berlin hat mich besucht (dabei die Photos unten aufgenommen, danke), und innerhalb von gut zwei Wochen haben wir ausser Wuhan noch Changsha, Kanton, Macau, Zhuhai, Zhaoqing, Hefei, Xuzhou, Qingdao und Peking abgeklappert. Den meisten Staedten haben wir nur einen Tag gewaehrt. Der Preis dafuer war freilich, dass wir kaum jemals einen tieferen Einblick in die Eigenheiten des Lebens in einer Stadt gewannen. Aber mit begrenzter Zeit und einem riesigen Land vor uns waehlten wir eine fuer das fruehe 21. Jahrhundert typische Strategie: Der Pulsschlag beschleunigt sich, die Bilder wechseln schneller und schneller... <br><br> China in einem Absatz <br><br> Zur Enttaeuschung des Lesers: Mein unerbittlicher Wille zur Wahrheit zwingt mich, hier nichts zu sagen, was nicht ohnehin jeder erwartet. Ja - das ganze Land befindet sich im Aufbruch. Schanghai, Peking und Shenzhen, der Vorhut, sind laengst ungezaehlte weitere Staedte in den Entwicklungssturm gefolgt. Wohin man schaut, halbfertige Hochhaeuser. In jedem Nest (mit 1 Million Einwohner oder so) modisch-glaeserne Konferenzzentren, riesige Brueckenkonstruktionen oder ineinander verschlungene Hochstrassen. In Wuhan wird gerade einer neuer Bahnhof, ein U-Bahn, ein Tunnel unter dem Fluss durch und die vierte Brücke darüber gebaut. Die zahlenmässig größte Zivilisation aller Zeiten, dazu eine Zivilisation mit intellektuellem Selbstverständnis, wird ins Des-/Informationszeitalter katapultiert. End of History? Sieht eher nach einem Anfang aus... <br><br> Vom Wesen des Chinesen <br><br> In Wuhan wird die Hupe im Straßenverkehr so gut wie gar nicht benutzt, obgleich allen Augenblick jemand einem die Vorfahrt nimmt oder einen rücksichtslos auf eine andere Spur drängt. Als ich frisch und naiv in Wuhan angekommen war, interpretierte ich diese verblüffende Ruhe als Ausdruck einer apathischen Grundhaltung der Chinesen: Es schien als habe man gelernt, Zumutungen aller Art zu ertragen und an sich abperlen zu lassen. Falsch - ganz falsch. Tatsächlich wurde nur wenige Monate vorher ein Hupverbot mit hohen Strafen durchgesetzt, weil der Lärmpegel selbst für Chinesen unerträglich geworden war! Wenn es also nicht das Fehlen des gesellschaftlichen Drucks in Form strafenden Hupens ist, welches zu den chaotischen Verkehrsverhältnissen führt - könnte es ein allgemein geringerer Respekt vor Verboten sein? Der Gedanke kam mir im Reisebus auf der Fahrt nach Qingdao: Busfahrer und Ersatzfahrer zündeten sich gemeinsam Zigaretten an, während über ihnen in drohendem Rot "Rauchen verboten" leuchtete. Auch Verkehrsregeln, formal durchaus vorhanden, rufen wenig Interesse hervor. (Lässt man sich in Deutschland wirklich die skandalöse Bevormundung gefallen, an einer roten Ampel anhalten zu müssen, wenn weit und breit kein anderes Auto zu sehen ist?) Vielleicht zeigt der Chinese in solchen Situationen ein Bedürfnis nach Selbstbestimmtheit, nach Freiheit von Regeln, die andere erfunden haben - womöglich eine ganz unerwartete Eigenschaft: den Hang zum I n d i v i d u a l i s m u s? <br><br> "Study and teach without growing weary of it." <br>-Konfuzius <br><br> China steht im Ruf, Wissen über alles zu Schätzen. Mittlerweile scheint man sich recht gut an die Bedürfnisse des globalen Marktes angepasst zu haben. "Englisch", "Business", "Business English", "Computer Sciences" sind die gängigen Antworten auf die Frage nach dem Studiengang. Ich muss hier als wohl noch absonderlicherer Vogel erscheinen als im Westen: Meine Auskunft, Philosophie studiert zu haben, löst keine erkennbare Reaktion aus. Ist es betretenes Schweigen oder schlicht völlige Unkenntnis, worum es sich handelt? Die Erwähnung von Mathematik bringt mir dafür Lob und Anerkennung ein. Sprachkenntnisse? Englisch wollen sie alle lernen, und auch die französische Kulturpolitik findet mal wieder ihre Opfer. Exotischere Sprachkenntnisse aber werden als mysteriös empfunden. Einem Mädchen gegenüber, das den verhängnisvollen Fehler gemacht hat, sich über die Dauer meines Studiums zu äußern, leiere ich die ganze Liste der Fähigkeiten eines Langzeitstudenten alter Schule herunter (dem Leser bleibt sie erspart): "... and apart from English, I know Latin, Ancient Greek, Modern Greek, I can at least read French, and before long I will also speak Mandarin ..." Meine Sprachkenntnisse verwirren das Mädchen. "What are you going to do with these languages? Ah! That means people have to translate fewer books for you, right?" Ja, so ungefähr -- <br><br> Heiliges Kanonenrohr! Fremde! <br><br> Obwohl wir uns fast nur in Grossstaedten aufhielten, haben wir manchmal tagelang keinen einzigen Nichtasiaten gesehen. Selbst in Millionenstaedten erregen wir durch unsere blosse Praesenz Aufsehen - besonders Kinder zeigen ihre Ueberraschung offen: Sie strahlen uns an als saehen sie den Nikolaus und schauen uns noch nach, waehrend sie von ihrer Mutter weitergezogen werden. "Hello"-Rufe aus allen Altersgruppen sind in den meisten Staedten gewoehnlich. "Ausländer!" kommentieren die Chinesen im vorbeigehen; "Meiguoren?" [Amerikaner] wundern sich ahnungslose Kellnerinnen. In Wuhan, wo ich etwas ausserhalb in einer Gegend mit vielen Schulen wohne, fallen manchmal ganze Schwaerme von Kindern ueber mich her. Immer wieder kommt es zu Vorfaellen. Vor wenigen Tagen hat uns eine Frau, als wir nichtsahnend am Yangtzehufer spazierten, zu einer Photoserie gezwungen. Sie hatte allerdings maechtig einen an der Klatsche und verschreckte uns durch ihr besitzergreifendes Gebaren. Wir haben uns eilig davongemacht - das Schlimmste befürchtend. <br><br> Corollar: Hilfsbereitschaft <br><br> Die Aufmerksamkeit, die wir erregen, lässt uns auch viel Hilfsbereitschaft entgegenschwappen. Mehrmals sind wir in Bahnhöfen spontan gefragt worden, ob wir Hilfe brauchen. Im Krankenhaus, das ich zweimal wegen Erkältungen besuchte (Arztpraxen sind hier nicht sehr verbreitet), hat man mir eine Art persönlichen Berater zur Seite gestellt, der mich durch die Korridore lotst. Und das erste Mal haben gleich drei Leute neugierig dabei zugeschaut, wie der seltene Vogel untersucht wird - bei einem Preis von 3,30¬ inkl. Bluttest lässt man sich vieles gefallen. Manchmal überschreitet die Hilfsbereitschaft allerdings die Grenze der Höflichkeit und schlägt ins Penetrante um. Eine Frau etwa, die sich in einer Buchhandlung netterweise als Übersetzerin zur Verfügung gestellt hatte, schnappte mir später beim Zahlen das Wechselgeld vor der Nase weg, um es mir dann mit dem nützlichen Hinweis zu überreichen: "This is for you" - "ja Du Gute, wo ich herkomme gibt es auch Zahlungsmittel - oder was mag sich hinter Deinen dunklen Schlitzaugen abspielen?" (eine Spur Xenophobie als Würze) <br><br> A propos Xenophobie <br><br> In Changsha führt uns eine nette Chinesin in der Stadt herum. Vor einem Park gibt es zwei Grillstände. Als ich mich zum Linken wende, gefällt es unser Begleiterin nicht; der Stand sei schmutzig, ich solle den rechten nehmen. Ich schaue zum rechten, zum linken, wieder zum rechten - nicht die saubersten, eben China - für mich ist aber kein Unterschied zu sehen. "It's the same!" wundere ich mich - aber sie beharrt. Es stellt sich heraus, dass sie die Schmutzigkeit des Standes an der Volkszugehörigkeit der Betreiber abgelesen hat - einer unbeliebten ethnischen Minderheit aus dem äußersten Westen Chinas. Allgemein sind Werturteile über andere Völker und Rassen in China ganz gewöhnlich; freimütig und ohne Absicht zu provozieren wird erklärt, dass man diese und jene nicht recht leiden kann. Auch andere westliche Tabus fehlen: Ein Etablissement erklärt stolz in großen Buchstaben über dem Eingang, kein Personal über 25 Jahre zu haben. Eine Stellenausschreibung kommentiert "male is better"; eine andere "looking for a tall European woman with white skin". -- Und jetzt zu meinem ganz eigenen Kampf mit dem Fremden... <br><br> O Freunde, nicht diese Töne! (1) <br><br> Eigentlich hatte ich vor, nur gerade soviel Mandarin zu lernen, wie man zum Überleben braucht. Irgendwie bin ich da dann doch reingeschlittert. Vielleicht liegt es daran, dass schon das Erlernen des Allernotwendigsten einen ungeheuren Aufwand erfordert. Bevor ich ankam, hatte mir keine Vorstellung davon gemacht, wie f r e m d diese Sprache ist; so ähnlich, stelle ich mir vor, müsste es sein, Vogelsprache zu lernen. Ich komme auf 10 Laute, die ich aus keiner anderen Sprache kenne, und die mühsam gelernt werden müssen. Dazu kommen vier Töne, die ebenfalls bedeutungsunterscheidend sind: gleichbleibend, steigend, fallend und fallend-steigend. Die Anzahl der möglichen lautlich unterschiedenen Silben ist auf der anderen Seite äußerst gering - es gibt nur ein paar hundert, während es im Deutschen und Englischen zumindest Zehntausende sein müssen. Die Folge davon ist, dass fast jede *mögliche* Silbe auch wirklich existiert, und so jeder Aussprachefehler zu einer neuen Silbe mit neuer Bedeutung führt. Fast immer also, wenn man den Ton falsch erwischt, sagt man dadurch etwas anderes. Die Töne wollen dabei selbst noch bei Zischlauten wie "s", "sch" oder "z" unterschiedenen werden. Und zu alle dem kommt, dass sich Chinesen nach einhelliger Meinung aller Ausländer auf wundersame Weise begriffsstutzig beim Interpretieren falsch ausgesprochener Worte zeigen. (Nur wenn ich *sehr* guter Laune bin, denke ich manchmal, dass es sich hierbei nur um eine durch die kulturelle Differenz bedingte Illusion handeln könnte.) <br><br> O Freunde, nicht diese Töne! (2) <br><br> Die höhe Lärmtoleranz der Chinesen ist überall spürbar und könnte an vielen Beispielen belegt werden - der Lautstärke der Lautsprecheranlagen von Geschäften, der Beliebtheit von Megaphonen - die auch schon mal von Bettlern zu Hilfe genommen werden-, dem Krach in Restaurants. Eine Chinesin wollte mir sogar weismachen, es gebe hier keine Ohrstöpsel zu kaufen, weil Lärm niemandem etwas ausmache. (Das allerdings ist als verblüffende Ahnungslosigkeit Eingeborener abzuhaken.) Geschehen ist aber folgendes: Zugfahrt nach Hongkong, Schlafwagen erster Klasse. Ich und drei Chinesen teilen sich ein Abteil. Aus dem Lautsprecher dröhnt scheppernd chinesische Musik, ab und zu unterbrochen von Durchsagen - physisch schmerzhaft. Ein Schalter ist nicht zu sehen. Ich nehme an, dass sich das Programm später automatisch abschalten wird, und gehe nach einer Weile raus, um mich für die Nacht fertig zu machen. Dabei bemerke ich, dass in einigen der anderen Abteils Stille herrscht. Als ich wieder zurückkomme, scheppert die Musik in unserem jedoch immer noch munter weiter. Und meine Abteilgenossen? Die haben sich bereits schlafen gelegt - um Himmels Willen! Alle drei. Entsetzt mache ich das Licht an und fange an, hektisch auf den Lautsprecher zu deuten. Gibt es vielleicht einen Defekt in unserem Abteil? Oder gibt es womöglich spezielle Ruhe-Abteils, zu denen unseres dummerweise nicht gehört? Nein. Die freundlichen Chinesen zeigen mir ohne Umschweife den Drehregler. (Er funktioniert.) <br><br> Hoi Polloi <br><br> Fragt man sich, welche Unterschiede in den Ausgangsbedingungen zu so ungleichen Kulturen wie der westlichen und der chinesischen geführt haben, so tritt einer scharf hevor: Chinesen sind mehr. Im neuzeitlichen Westen hat die Politik fast unterbrechungslos die Reproduktion der Bevölkerung gefördert (oder vorgegeben, es zu tun); die Schwelle, wo man unter der Besiedlungsdichte ernsthaft zu leiden beginnt, wurde nie erreicht. In China wurde diese Schwelle schon lange überschritten, und das empfinden duchaus auch die Einheimischen so. Dass es zu viele von ihnen gibt, wird als Ursache vieler Probleme angesehen, und die berüchtigte Einkindpolitik der Kommunisten ist der Versuch, die Notbremse zu ziehen. Auch im alltäglichen Leben sind die asiatischen Menschenmassen ("asiatisch" ist hier keine Qualifikation von "Mensch", sondern von "Masse") allgegenwärtig. Vor den Bahnhöfen fließen die Menschen von überall her zu einem großen Meer zusammen, das den reisenden Europäer entmutigt. Um die an sich nicht kleinen Bahnhöfe nicht zu ersticken, wird man nur mit gültigem Ticket hereingelassen; es werden Megaphone, Absperrungen und zahlreiche Aufpasser eingesetzt, um die wimmelnde Menschheit in die gewünschten Bahnen zu lenken. Unvorstellbar wäre es, jeden nach Lust und Liebe auf den Bahnsteig zu lassen - man wartet, bis der Zug eingefahren ist, und schleust dann alle zusammen durch die Tunnel. (So kann man sich wenigstens nicht verlaufen.) Die unvermeidliche Zukunft der Menschheit: Die Herausforderungen des Lebens in der Wildnis werden durch die Herausforderungen des Lebens innerhalb einer auf engem Raum zusammengezwängten Population abgelöst (auch wenn Europa ein verhütungsinduziertes Intermezzo erlebt). Schlechte Nachrichten für den nietzscheanischen Übermenschen auf der Suche nach Distanz von der Herde... <br><br> Bemerkung (mit Bild) <br><br> Die Chinesen sind ein tolles Volk - ein paar weniger hätten's aber auch getan. <br><br> <a href="http://www.leininger.de/bilder/bahnhof.kanton.2.feb.2007.jpg">Vor dem Bahnhof von Kanton</a> <br><br> Das Serviceparadies <br><br> Wie richtig die Bezeichnung "Servicewüste" für Deutschland ist, wurde mir erst in China vollkommen klar. Bisweilen wird man hier von Personal geradezu erschlagen. Besonders für Deutsche ist die viele Aufmerksamkeit anfangs unangenehm. Man ist es einfach nicht gewöhnt, dass Leute sich um einen kümmern und nicht sofort genervt sind, wenn man ein paar Sekunden länger braucht, um ein Gericht auszuwählen. (In China ist das Bestellen in einem Restaurant ein interaktiver Prozess, der sich hinziehen kann.) Ich habe mich jedoch schnell umgestellt und genieße die Vorzüge: Selbst in den einfachsten Restaurants trifft man fast ausnahmslos auf große Hilfsbereitschaft und freundliche Behandlung. Ist man aber bereit, drei oder vier Euro auszugeben, dann kann man mit einem riesigen Personalüberschuss rechnen: Die vielen Kellner und Kellnerinnen warten in Grüppchen auf Regungen der Kundschaft und scheinen sich geradezu zu freuen, wenn es etwas zu tun gibt. In den für hiesige Verhältnisse überteuerten Cafes erwarten einen nicht nur edles Ambiente und angenehme Stille, sondern auch Kellnerinnen, die aus lauter Langeweile noch halbvolle Wassergläser wieder auffüllen. Und eine Bar in Zhuhai stellte gleich fünf Mädchen an, deren einzige Aufgabe es war, die Gäste willkommen zu heißen. Wie wird es wohl sein, wieder in Deutschland wegzugehen? Werde ich die legendäre Unfreundlichkeit der Servicekräfte in Prenzlauer Berg romantisch verklären können? Werde ich den Kellner dafür bewundern den Gästen gekonnt das Gefühl zu vermitteln, dass sie froh sein können, überhaupt beachtet zu werden? (Oder übertreibe ich jetzt womöglich?) Oder werde ich einfach nur angepisst sein? <br><br> Corollar: Bahnfahren <br><br> Bahnfahren in China ist ein Traum - zumindest, wenn man sich die erste Klasse leisten kann. Besonders nützlich sind Nachtzüge. Für 40¬ legt man gute 1000km zurück und kann sich in einem richtigen, sauberen Bett erholen. Eine Thermoskanne mit heißem Wasser steht bereit. Es gibt (immer) Klimaanlage, ein Tischchen, Steckdose, (manchmal) Video und nettes Personal. N i e w i e d e r D e u t s c h e B a h n ! <br><br> Bemerkung (mit Bild) <br><br> Wenn das Kommunismus ist -- bitte mehr davon! <br><br> <a href="http://www.leininger.de/bilder/tiananmen.feb.2007.klein.jpg">http://www.leininger.de/bilder/tiananmen.feb.2007.klein.jpg</a> <br><br> China und der Westen <br><br> Der Westen ist in China angesagt. Man möchte nicht nur die Produkte des Westens imitieren, sondern seine Lebensweise gleich mit. Das theoretische Fundament könnte lauten: "Wer reich ist, muss irgendetwas richtig machen" oder mit einem Slogan der 80er: "Nichts ist erotischer als Erfolg". Eines der Anzeichen dafür sind die vielen Läden, deren Schilder eine englische Übersetzung zeigen, obgleich Ausländer in der Stadt nur alle Jubeljahre gesichtet werden. (Wie irrelevant Ausländer als Wirtschaftsfaktor in China noch immer sind, zeigt sich mitunter daran, dass auf der anderen Seite sogar Hotels es recht häufig *nicht* für nötig halten, ihre Funktion in lateinischer Schrift anzugeben.) Rätselhaft bleibt dabei allerdings die spektakuläre Schlampigkeit im Umgang mit Fremdsprachen. Nein nein, ich bin nicht spitzfindig - gesehen habe ich unter anderem: Ein Buch zum Deutschlernen, auf dessen Vorderseite groß und breit "Deutch" stand; den Busbahnhof einer Millionenstadt, wo über jedem Schalter in großen Lettern "TLCKETS" zu lesen war; ein vielleicht 3m hohes Denkmal aus Marmor, dessen Inschrift vor leichtfertigen Fehlern nur so strotzte; ein McDonalds-Restaurant, das seinen eigenen Slogan falsch schrieb ("I'lovin' it"); und zahllose Broschüren, Hinweisschilder, Geschäftsbezeichnungen und Speisekarten, die irgendetwas zwischen komisch und unverständlich waren. Handelt es sich um Unfähigkeit oder gar Respektlosigkeit gegenüber anderen Sprachen? Oder hat es einfach wieder damit zu tun, dass die kulturelle Kluft zwischen West und Ost so immens ist? Anderes Beispiel: In China feiert man mittlerweile zweimal Neujahr, einmal mit uns am 1.Januar und noch einmal im Februar gemäß dem Mondkalender: Vergangenen Februar wurde das Jahr des Hundes vom Jahr des Schweines abgelöst. Weihnachten, oder der amerikanische Teil davon, wird selbstverständlich auch inszeniert. Etwas irritiert waren wir allerdings, als auch im Vorlauf auf das chinesische Neujahr im Radio Weihnachtsmusik gespielt wurde... <br><br> Chinesen und -innen. <br><br> Es ist wohl an der Zeit, endlich eines der heißesten und heikelsten Themen anzugehen: Das Verhältnis der Geschlechter, im Westen ja gerne auch als Krieg gesehen. Etwas hier ist definitiv anders. Was genau, ist gar nicht so leicht zu erfassen. (Gehört haben wird jeder, dass in China viele weibliche Föten abgetrieben werden. Das hat allerdings vor allem damit zu tun, dass die arme Landbevölkerung es sich nicht leisten kann, nur eine Tochter zu haben, die die harte Arbeit nicht bewältigen kann. Das wird dadurch belegt, dass in den Städten nicht oder fast nicht weniger Frauen als Männer geboren werden.) Zur Zeit arbeite ich unter der (nicht weiter originellen) Hypothese, dass in Asien die männliche Sexualität auf niedrigerer Flamme brennt. Männer sind weniger aggressiv und kooperativer - man fetzt sich (etwas) weniger um Frauen. Anekdotische Evidenz: In Kanton erklärt uns ein Chinese, warum er sich von seiner Freundin getrennt hat: "Yes, yes, too hungry!" ruft er emphatisch. "I cannot satisfy her! Too hungry!" Kann es sein, dass die Frauen als Reaktion auf die schwächere Sexualität der Männer eine vergleichweise starke entwickelt haben? "They are like bloodhounds!", erklärte mir eine Chinesin das Flirtverhalten ihrer Landsfrauen. (Spaß beiseite: Ein Körnchen Wahrheit scheint daran zu sein.) Allgemein gesprochen ist das Rollenverhalten in China zwar stärker ausgeprägt als im modernen Europa (Kunststück!) - doch gibt es noch eine weitere wichtige Ausnahme: Frauen gehen hier Arbeiten nach, die im Westen Männerdomäne sind. Es gibt etwa einen ansehnlichen Anteil von Busfahrerinnen und Taxifahrerinnen. Und auf dem Land vollrichten Frauen mit dem Spaten Knochenarbeit. Den solchermaßen unter harten Bedingungen Arbeitenden ist der Gedanke naturgemäß relativ fern, dass Arbeit ein Privileg sein könnte, und Ottonormalchinesin, wenn der etwas holprige Ausdruck erlaubt ist, erwartet von einem Mann vor allem eines: Geld nach Hause zu bringen. Selbiges Geld wird dann zusammen mit einer gehörigen Portion Liebe auf allen zur Verfügung stehenden Wegen in die Kinder gepumpt, welche dank Einkindpolitik meistens - Vorsicht, holprige Satzlogik - eben eines sind, und folglich nicht selten den Eindruck erwecken, von der vielen Zuwendung erdrückt zu werden. Man versichert mir übrigens, das Haupthindernis für ein glückliches Familienleben seien die Mütter der Ehemänner, welche sich penetrant einmischten und eifersüchtig und oft erfolgreich um die Aufmerksamkeit des Sohnes buhlten. Ob solche Abnabelungsprobleme des Chinesen einer der tiefer liegenden Gründe dafür sind, dass uns hier der Ruf vorauseilt, Frauen würden in Europa auf Zuckerwatte gebettet...? <br><br> Der uralte Traum des Junggesellen <br><br> Ich habe ihn endlich verwirklicht -- die geschirrfreie Küche! Entgegen kam mir zum einen, dass alles, was hier auf den Tisch kommt, gut aus Schüsseln essbar ist, und die verfügbaren Pappschüsseln ganz gut sind; der entscheidende Durchbruch aber waren die hölzernen Einmal-Stäbchen -- besser als läppisch-biegsames Plastikgeschirr und dazu noch *biologisch abbaubar*. <br><br> Saufen und so <br><br> Läuft letztlich nicht so viel anders ab als in Berlin. Allerdings muss ich darauf achten, noch nüchtern genug zu sein, um über die Campusmauer klettern zu können. (Nachdem ich Bekanntschaft sowohl mit den oben einbetonierten Glasscherben als auch der Alarmanlage gemacht habe, ist jedoch eine gewisse Routine eingekehrt.) Ein weiterer Unterschied ist, dass das abschließende Einkehren in der Berliner Dönerbude, das ja der eigentliche Höhepunkt eines jeden Abends ist, sich zu einem der vielen Grills verlagert, wo man aus irgendeinem Grund immer an klapprigen, zwergenhaften Tischen auf ebensolchen Stühlen sitzt, die allesamt für Puppen gemacht zu sein scheinen. Zu essen gibt es Fleischspieße in verschiedenen Variationen - von der Rinderlende bis zur Hühnerklaue ist alles zu haben (Hund ist eher selten). Neben dem Preis ist der entscheidende Vorteil, dass einem das lästige Brot und das Gemüse des Döners erspart bleiben. Eine Ahnung himmlischen Glücks beschert mir zudem immer noch der Augenblick, in dem ich auf der Taxirückbank umkippe, um für eine halbe die Stunde die Nacht an mir vorüberziehen zu lassen, und mir dabei eine zugige Berliner S-Bahn vor die allmählich werdenden (um hier auch die vielen Nachfragen zu beantworten) und zufallenden Schlitzaugen rufe... <br><br> :: </font></p> </td></tr></table> </body> </html>